Das letzte Mammut
11.000 BC – Nordamerika
Schatten-des-Windes wendete die Steinspitze in seinen Händen; er drückte das Stück Bisonkieferknochen kräftig gegen eine Erhebung am hinteren Ende, bis sie absplitterte. Und weiter suchte er nach den Stellen des Steins, die nicht Teil der Symmetrie der Spitze waren und näherte sich dem Bild in seinem Geist. Wieder erfreute ihn die Farbkraft des Regenbogensteins, das Orange nicht so verschieden von dem Feuer vor ihm.
Er senkte die Hände und entspannte die Schultern. Das Feuer zischte und knackte; das feuchte Holz sprach in zorniger Stimme. Er hob den Blick. Die Nacht nahte; trübes Licht fiel zwischen den Bäumen, die jetzt die letzten Blätter fallen gelassen hatten. Die Äste fühlten sich grau und kalt und träge an wie seine Knochen. Bald kam der Schnee.
Der Ruf eines Großen Geiers hallte aus dem Wald, und noch zwei. Die Gruppe war zurück. Er erhob sich langsam vom Boden und schüttelte sich die Steifheit aus den Beinen und Armen. Auch die anderen, die am Feuer gearbeitet hatten, legten die Arbeit zur Seite und standen auf. Aus den Hütten kam der Rest der Menschen. Ruf-des-Kranichs drückte ihm kurz die Hand und lächelte ihm entgegen. Wieder sah er das Gesicht ihrer Eltern in ihrem. Sah sie ihnen ähnlicher im Altern, oder suchte er selbst sie mehr? Die-im-Winter-Geborene stapfte an der Hand ihrer Mutter hinterher und blickte mit großen Augen zu ihm hoch. Sein Herz zuckte schmerzend.
Der-weit-Gereiste trat neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter. Schatten-des-Windes wendete ihm den Kopf zu. Das Flackern des Feuers ließ die Falten im Gesicht tanzen; das späte Licht ließ seine grauen Haare silbrig leuchten. Der-weit-Gereiste nickte ihm zu und musterte ihn mit fragenden Augen. Sie mussten die Frage nicht aussprechen. Schatten-des-Windes zuckte mit den Schultern, und senkte den Blick.
Sie warteten nicht lange und die Gruppe trat aus den Bäumen auf die Lichtung. Wolf-Schritt legte den erlegten Hirsch vorsichtig auf der Erde ab, und schloss Ruf-des-Kranichs und ihre gemeinsame Tochter in seine Arme. Die Speerspitze in seiner Hand schnitt Schatten-des-Windes.
Er zwang seine Hand, den Griff zu lockern und trat an Der-nie-verfehlt heran; sie legten sich gegenseitig die Hände auf die Schultern. „Was habt ihr alles gesehen?“, fragte er ihn lächelnd. Der-nie-verfehlt lächelte ihm zurück: „Viel, und noch mehr.“ Schatten-des-Windes nahm ihm den dicken Beutel mit den gesammelten Kräutern ab und wendete sich weg von den Begrüßungen. Er ließ sich auf seinem Platz nieder und sah dem Stein in seiner Hand und den Blutstropfen, die er geschnitten hatte, dabei zu, wie sie im Feuerschein funkelten.
Sein Blick wanderte zu dem kleinen Erdhaufen hinter seiner Hütte, auf dem sich schon kleine Pflanzen ihre Erde gesucht hatten. Doch waren nur noch Hüllen darunter, und selbst diese würden zurückkehren. Er schüttelte den Kopf; was brachte das alles. Was brachte irgendetwas? Er legte die unfertige Steinspitze auf die Erde, wischte sich das Blut seiner Hand an dem Pelz um seine Schultern ab und half Wolf-Schritt, den Hirsch auszunehmen.
Mit einem zufriedenen Grunzen fuhr Schatten-des-Windes mit seinen Fingern durch die leere Schüssel, führte sich die letzten Reste des Eintopfs zum Mund und stellte die Schüssel vor sich auf die Erde. Er verbeugte sich sich vor dem Hirsch und dem Kürbis, die jetzt Teil ihrer selbst waren.
Bald waren alle fertig und im Schein der zwei Feuer, unter dem Licht der endlosen Sterne, erzählte die Gruppe, was sie auf ihrer Kleinen Reise gesehen hatten.
Sie erzählten davon, dass das Eis auf den Hügeln der letzten Jahre nicht mehr war; von dem Vollen Mond, der mit einer Aura auf der Ebene ihnen den Weg gewiesen hatte. Sie erzählten von Büffeln in der Ferne, von der Jagd im Morgennebel… das Feuer zog seine Augen und Ohren an, und Schatten-des-Windes hörte nur noch die in die Dunkelheit funkelnde Stimme, wie sie knackte und rauschte. Das Feuer loderte nach oben, senkte sich, warf Funken in die Nacht; ein Holzscheit brach in der Mitte und bewegte die Flammen.
„… sie haben erzählt, dass sie eine Ur-Mutter gesehen haben, zwischen den Hügeln.“ Schatten-des-Windes hob ruckartig den Kopf. Kurz flutete die Stille der Dunkelheit die Siedlung. Er und andere auch wiederholten ungläubig: „Ur-Mutter?“ und verlangten nach mehr, und Erklärung. Die Menschen-aus-den-Hügeln meinte Wolf-Schritt sicher. „Sie haben sie nicht im Angesicht gesehen, aber die Erde hat ihnen zuerst von ihr erzählt, und in der Weite haben sie sie in die Nadelhölzer zwischen den Hügeln ziehen sehen, und haben ihre Großen Zähne gesehen. Ihre Herzen haben ihnen gesagt, ihr nicht zu folgen.“
Aus dem Durcheinander aufgeregter Stimmen erhob Der-weit-Gereiste seine eigene: „In all meinen Reisen, und mein Vater auf seinen, und sein Vater auf seinen, haben wir keine Ur-Mutter und keinen Ur-Vater gesehen, nicht eine Spur davon. Und jeder weiß, dass Sie nicht alleine ziehen.“ Es wurde widersprochen, und zugestimmt, und widersprochen, aber Schatten-des-Windes senkte den Blick wieder in die Flammen, und spürte sich lächeln. Klar kam ihm die Erinnerung, wie der Vater seines Vaters Geschichten von dem Vater seines Vaters erzählt hatte, von der Großen Reise. Wie seine Augen geblitzt und sein Herz gepocht hatte bei den Geschichten über die Ur-Mütter und Ur-Väter, von ihrer Macht und Weisheit; von der Jagd auf sie in harten Wintern, der größten Jagd von allen.
Aufregung fuhr ihm durch den Körper, wie er sie nach der Rückkehr von Ihr und ihrer beider Tochter nicht mehr gespürt hatte. Sein Geist wurde still, er hob den Kopf und sprach, weder laut noch leise: „Ich werde sie suchen.“
Der-weit-Gereiste verstummte im Satz und schaute ihn überrascht an; auch die Anderen wandten ihre Köpfe, und nur die Feuer sprachen. Der-weit-Gereiste öffnete den Mund, doch mit Schmerz im Blick schloss er ihn wieder nach einem Blick in seine Augen. Schatten-des-Windes hatte seine Entscheidung gefällt.
Schatten-des-Windes richtete sich auf, kein Schlaf wollte kommen. Still saß er einige Zeit in der Dunkelheit, die Leere an seiner Seite wie ein Loch. Er legte sich den Pelzmantel um die Schultern und öffnete den Verschlag zur Hütte und ließ den kalten Nachtwind und das Leuchten der Sterne herein. Er nahm sich seinen größten Ledersack und packte ein paar Feuersteine hinein, und drei seiner Ersatzklingen, ein Ballen geflochtenes Seil, eine Schale, zwei kleinere Hasenfelle und sein Ersatzpaar Lederschuhe. Er warf sich den Sack über die Schulter, nahm sich seinen kleinen Lederbeutel, in dem auch die noch unfertige Klinge war, und stand träge zwischen der leeren düsteren Hütte und der weiten Kälte draußen und mochte sich kaum rühren. Er spürte das Phantom Ihrer Lippen auf seinen, fühlte das Phantom Ihrer Finger auf seinen Schultern. Und er zwang seine Beine, sich zu regen.
Er streckte sich, atmete tief die dunkle Luft ein und blickte hoch zu dem halben Mond. Er legte Sack und Beutel neben das noch glimmende Feuer, nahm sich zwei Holzscheite von dem Holzstapel und machte sich daran, das Feuer wiederzuerwecken.
Er sah den Funken einige Zeit zu, wie sie zu den Sternen tanzten, nahm sich dann die Klinge und den Druckknochen aus seinem Beutel und fing an, die Arbeit zu beenden. Er hörte, wie aus seiner Hütte Der-weit-Gereiste trat, wie er langsam hinter ihn schritt und spürte seine sanfte Hand auf seiner Schulter. Die Traurigkeit schnürte Schatten-des-Windes die Kehle zu.
Der-weit-Gereiste nahm neben ihm am Feuer Platz, einen geraden robusten Haselstock in der Hand. Mit langen sicheren Bewegungen fing er an, mit einer Klinge die Rinde vom Stock zu ziehen und Astlöcher wegzuschneiden. Zum Tanzen des Feuers arbeiteten sie; die Stücke des Steins, die Schatten-des-Windes wegdrückte, wurden immer kleiner. Er verdünnte systematisch die Seiten, spitzte die Spitze zu, drückte am hinteren Ende die Kuhle aus, wo sie in den Stock eingesetzt wurde. Und noch ein, zwei Erhebungen auf der Breitseite. Und noch ein Stück an der Spitze. Und es gab nichts mehr zu tun, die Klinge war fertig.
Zögerlich senkte Schatten-des-Windes die angespannten Arme. Der-weit-Gereiste musterte ihn, der Stab in seiner Hand bereit. Sie hoben die Köpfe in den Himmel, in den sich Gräue gesenkt und die Sterne vertrieben hatte. Der-weit-Gereiste erhob sich, trat kurz in seine Hütte und kam mit einer Schädelschale mit trockenem Harz und Garn zurück. Er stellte die Schale in die Flammen, damit sie das Harz flüssig machten, und hielt Schatten-des-Windes die geöffnete Hand entgegen. Er legte die neue Klinge hinein und sah Der-weit-Gereiste dabei zu, wie er sie musterte, anerkennend nickte und sie dann oben im Stab in dem schmalen Spalt fixierte. Er wartete kurz, nahm dann die Schale zurück und trug das Harz mit einem ausgefransten Stock um Stein und Holz auf. Dann band er das Garn geschickt fest um die Verbindung und verteilte mehr Harz auf die Bindung. Er musterte alles noch einmal kritisch, drehte sich zu Schatten-des-Windes und überreichte ihm mit beiden Händen den Speer. Er verbeugte sich und nahm ihn mit beiden Händen entgegen. Sie sahen sich kurz tief in die Augen und sahen dann dem Tag bei seinem Kommen zu.
Die ersten Menschen traten aus den Hütten, doch statt der üblichen Begrüßung, und der Vorbereitung des Tages, und des Sammeln, entfachten sie zuerst das zweite Feuer und standen und saßen in der Siedlung verteilt, wartend. Ruf-des-Kranichs wärmte eine einzelne Schüssel mit Kürbisbrei auf und reichte sie Schatten-des-Windes mit dunklen Augen. Ohne Hunger aß er, langsam, als wolle er seine Abreise hinauszögern. Sein Blick verirrte sich wieder zu dem kleinen Erdhügel und sein Herz wurde so schwer, dass er Mühe hatte, sich zu erheben.
Alle Anderen erhoben sich auch; Der-nie-verfehlt fing an, sachte auf die Trommel zu schlagen, andere sangen leise Laute. Die-den-Krähen-lauscht kam und überreichte ihm einen Beutel, in dem er getrocknetes Fleisch, Brot und Kräuter spürte; er nickte dankbar.
Alle standen um ihn herum in weitem Kreis, nicht nahe, und eine große Lücke in ihren Reihen. Jedem blickte Schatten-des-Windes in die Augen; Ruf-des-Kranichs schluchzte und nahm ihn weinend in ihre Arme. Sie legte ihm ihre weiche Hand auf die Wange und flüsterte: „Finde Frieden, Bruder“, und trat zurück.
Schatten-des-Windes drehte sich mit steinernem Gesicht, band sich die Beutel auf den Rücken, griff den Speer fest und machte einen Schritt in Richtung der Lücke. Der-weit-Gereiste trat an ihn heran. Er legte ihm die Hände auf die Schultern und sprach sachte: „Finde den Weg zurück ins Jetzt. Lass den Wind die Erinnerung forttragen und sie frei sein, zu kommen und zu gehen. Nichts ist je verloren.“
Tränen brachen aus seinen Augen und ohne sich umzudrehen stapfte er aus dem Kreis aus der Siedlung in den Wald. Einzelne Schneeflocken tanzten vom Himmel.
Schatten-des-Windes hielt inne und lauschte den Rufen einer reisenden Gruppe Kraniche. Er bat ihnen gute Reise und setzte seinen Weg fort. Es war wundervoll zu laufen, nur zu laufen. Hier war er schon lange nicht mehr gewesen. Immer noch fielen vereinzelte Flocken, aber der Boden war noch zu warm, um sie willkommen zu heißen.
Wie lange er wohl brauchen würde, die Ur-Mutter zu finden? Vor ein paar Tagen hatten die Anderen die Nachricht vernommen, die selbst ein paar Tage alt war; er selbst brauchte ein paar Tage bis zwischen den Hügeln. Je nachdem, wie schnell und wohin die Ur-Mutter unterwegs war; ein paar Tage mehr.
Geschwind trugen ihn seine Beine durch den Wald. Vögel zwitscherten manchmal, manchmal hallte das Bellen eines Hirsches wider. Die kahlen Kronen zeichneten sich düster gegen den grauen Himmel ab, der Schnee hatte aufgehört zu fallen. Er hielt ein paar Mal an Quellen an, die er kannte, ohne zu sitzen, und trank und aß wenig Fleisch; sein Appetit war noch nicht zurück. Am Rand einer Lichtung fand er ein paar alte Beeren, von denen manche noch süß waren. Und er lief und lief und sah, wie öfter Nadelbäume jetzt mit ihrem Grün den Wald verfärbten. Auf manchen Bäumen war etwas Schnee liegen geblieben; er kam näher zu den Hügeln.
Und er lief, bis der graue Himmel grauer wurde und seine Beine müde waren. Er fand einen Ruhigen Ort am Rande einer Wiese; der Wind war still heute. Er legte seine Sachen an dem dunklen großen Stein ab und sammelte trockenes Holz und Zunder aus dem Wald. Mit einem Feuerstein erweckte er das Feuer und war froh um die knisternde Stimme. Er aß ein paar Streifen Fleisch, mit mehr Appetit, und massierte sich die Beine.
Und er lauschte der weiten Stille, wie den ganzen Tag schon. Es war lange her, dass er Allein gewesen war. Er schloss die Augen und seine Mundwinkel zuckten. Es war ihm anstrengend gewesen inmitten der Anderen, zu sprechen, zu lachen, zu hören. Wenn er doch nur mit Ihr sprechen wollte.
Nichts ist je verloren, was sollte das heißen? Sie waren zurückgekehrt, und natürlich wieder Teil von allem, aber doch würde er sie nicht wieder sehen, würde Sie nie mehr spüren. Würde seine Tochter nie mehr als den einzigen Laut von sich geben, bevor ihre Augen kalt geworden waren. Würde er ihr nie den Wald zeigen, würde er nie ihre Hand halten, würde sie nie die Welt kennenlernen in ihren zahllosen Formen. Würde sie nie die erwachende Welt des Frühlings sehen. Sein Schluchzen hallte durch die immer tiefere Dunkelheit.
Er ließ es abklingen, die Tränen trockneten und wie ein ferner Ruf, dessen Sprache er nicht verstand, stand ihm die Stimme von Der-weit-Gereiste im Sinn. Nichts ist je verloren.
Er legte mehr Holz ins Feuer, legte sich auf das Gras, deckte sich mit seinen zusätzlichen Fellen zu und starrte in das dunkle Schwarz im Himmel. Keine Sterne gab es heute.
Schatten-des-Windes erwachte mit kalten Knochen im Morgengrauen. Es dauerte eine Weile, bis er aus der Traumwelt vollends zurückgekehrt war; er erinnerte sich nur an Schatten. Träge setzte er sich auf. Das Feuer war fast komplett verstummt. In der Ferne sprachen Raben, der Himmel war grau noch immer, und es war kälter geworden. Er saß eine Weile und lauschte der Luft; dem Rauschen des Windes durch blattlose Bäume und der sonst fast leeren Stille. Der Erste Schnee würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Er rieb sich die Arme und das Gesicht und erhob sich. Er spürte der Einsamkeit in seiner zusammengezogenen Brust nach und dachte kurz an die Siedlung, an die Menschen, wie sie den Tag starteten. Und doch, die Einsamkeit war auch dort gewesen, nur nicht so klar wie jetzt. Er musste sie sehen, er musste ihr zuhören; er musste den Weg zurück ins Jetzt finden.
Er packte seine Dinge ein, löschte das Feuer, band sich die Beutel um und packte den Speer. Er hielt kurz inne, mit vagem Blick, schüttelte sich, dankte der Erde für den sicheren Schlafplatz und setzte sich in Bewegung. Er dachte zurück, welche Freude jeder Morgen gebracht hatte; wie er nicht mit trübem Geist aufgewacht war immer und die Traumwelt ihn kaum loslassen wollte. Als es keine Mühe gekostet hatte aufzustehen. War die Welt nicht immer noch so schön, wie sie schon immer gewesen war? Und er sah den Wald, sah das Moos und die jungen Bäume mit ihren trockenen Blätter. Sah die Äste wie Arme elegant in die Luft gestreckt, sah den Frost an den Tannen blitzen. Hörte Vögel auch unter grauem Himmel zwitschern, spürte den kalten Wind auf der Haut; und spürte, wie die Bewegung Wärme in seinen Körper zurückbrachte. Und er spürte, wie ein Lächeln sein Gesicht weckte. Die Welt war immer noch so schön. Und in ein paar Tagen schon vielleicht würde er die Ur-Mutter finden. Sein Schritt wurde leichter.
Die Ebene ging langsam über in die Hügel und er tat jede Bewegung mit klaren Augen, nach Spuren der Menschen-in-den-Hügeln und der Ur-Mutter spähend. Kein Platz war für Gedanken, die seinen Geist trübten wie eine Handvoll Erde eine Schüssel klaren Wassers.
Zum Mittag lag die Ebene vollends hinter ihm und er folgte dem Plätschern von Wasser, dass der Wind ihm zugetragen hatte. Es dauerte nicht lange, bis er den Bach zwischen den Hügeln fand. Er erinnerte sich an einen Frühling vor einigen Frühlingen, als er schon einmal an seinen Ufern gerastet hatte, die aber höher gewesen waren. Im Vergleich war es gerade mal ein Rinnsal zu dieser Zeit des Jahres.
Er legte seine Sachen ab, nahm sich die Schale aus dem Beutel und kniete sich ans Wasser. Er tauchte seine Hände tief ins eisige Nass ein, schloss kurz die Augen und lauschte dem Fließen, wie es von der kommenden Kälte erzählte. Er trank zwei volle Schüsseln voller Genuss, erhob sich dann und legte die Kleider ab, um der Einladung des Baches zu folgen. Er trat in das Wasser, das ihm nicht einmal bis zu den Knien reichte, und spürte, wie es die Müdigkeit aus seinen Füßen zog. Er ging auf die Knie erst, und legte sich dann auf das Flussbett und ließ die Kälte über sich waschen mit flachem Atem. Er tauchte seinen Kopf ins Wasser, ließ die Geräusche der Welt ziehen und hörte nur noch das vorbeirauschende Nass.
Er wusch sich gründlich, bevor er wieder aus dem Bach trat, sein Körper rot und hellwach. Er trocknete sich mit einem der Felle ab, schüttelte sich auf der Stelle einige Zeit, um Wärme in seine Glieder zurückzubringen und zog sich wieder an. Er dankte dem Fluss und zog froherer Sinne weiter, und summte vor sich hin.
Zum Mittag rastete er zwischen einigen Winterbäumen und aß ein wenig Fleisch und Brot; sie hatten ihm wirklich reichlich eingepackt. Auch wenn die Wolken sich ein wenig gelichtet hatten und manchmal sogar etwas blauer Himmel hindurchblitzte, wusste er, dass der Schnee bald kommen würde. Also sammelte er etwas trockenes Moos und Rinde als Zunder. Er zog von einem Weißen Baum gerade ein großes Stück ab, als der Wind ihm Menschenstimmen herantrug. Er hielt inne. Er war wirklich noch schneller gewesen, als er gedacht hatte.
Er spähte kurz in Richtung der Stimmen, die vom Wald verborgen waren und ließ sich zu Boden. Wie seltsam, sich zu verstecken vor anderen Menschen. Und er könnte sie nach den Spuren fragen, und nach Richtung. Aber er wollte nicht sprechen, mit niemandem, und wollte sich nicht erklären. Er hatte keinen Zweifel daran, die Ur-Mutter alleine zu finden.
Es dauerte nicht lange, bis keine Spur der Stimmen mehr im Wind lag. Auf leichten Füßen trotzdem nahm er seine Dinge und zog weiter in Richtung der Berge, die aus dem Horizont wuchsen, so weit entfernt, dass er sie noch nie im Angesicht gesehen hatte.
Der Himmel wurde grau und grauer und die Hügel höher und er lief und lief weiter. Nicht sehr lange vor dem Abend zwischen zwei Hügeln wurde der Boden sumpfig, die oberste Schicht aus Eis knackte unter seinen Füßen. Er blieb stehen. Sie war hier gewesen, er war sich sicher. Mit offenen Augen und Ohren blickte er sich um. An manchen Grauen Bäumen waren manche Äste bis über seinem Kopf geknickt. Und da! Sein Herz hüpfte und in ein paar Schritten stand er über dem großen runden Abdruck. Er ging in die Knie und hörte der Erde zu, wie sie ihm von der Ur-Mutter erzählte, wie sie hier zwischen den Hügeln gewandelt war.
Er legte seine Hand in den tiefen Abdruck, und sie füllte die Spur gerade zur Hälfte. Andächtig hob er den Kopf und sah die Spur, wie sie weiterführte und mit einem Lächeln auf den Lippen folgte er ihr, mal springend, mal schleichend, als wäre er wieder ein kleiner Junge. Es war nicht lange her, dass sie hier gewesen war, vielleicht ein oder zwei Tage. Nach dem Sumpf wurde es schwerer, die Zeichen zu sehen und der Abend nahte und sein Magen knurrte.
Er wandte sich von der Spur ab und der Wald öffnete sich ein wenig. Er fand eine Gruppe großer Steine für sein Nachtlager. Er sammelte Holz, erweckte ein Feuer und nahm sich seinen Speer. Er wollte seine Fleisch-Vorräte nicht zu schnell aufbrauchen, und er hatte nicht weit entfernt Hasenlöcher gesehen.
Er ließ sich im Schutz einiger Sträucher in der Nähe eines der Löcher in die Hocke nieder, hielt den Speer bereit und lauschte. Vögel zwitscherten im letzten Licht des Tages, Blätter raschelten unter den Füßen kleiner Tiere, sanft rauschte der Wind durch die Äste. Nicht weit entfernt sah er aus dem Augenwinkel ein grau-weißes Fell springen. Er hob den Speer ein wenig, aber der Hase bewegte sich in die falsche Richtung. Mit ein paar der Anderen wäre die Jagd ein Leichtes.
Er hockte regungslos, bis das Licht beinahe gewichen war und er schon aufgeben wollte, als ein Hase vorsichtig den Kopf aus dem Loch steckte, kurz zurückzuckte und dann aus der Höhle hoppelte. Schatten-des-Windes hob den Speer, die Muskeln angespannt, und in einer fließenden Bewegung erhob er sich und warf den Speer mit aller Macht, bevor die Geräusche das Tier verjagen würden. Die Spitze durchbohrte den Hasen und mit einem leisen Schrei kippte er zur Seite und war regungslos. Er kniete sich vor dem Körper nieder und verbeugte sich.
Nachdem er den Hasen ein wenig hatte ausbluten lassen, zog er ihm im Schein des Feuers erst das Fell ab, schlitzte mit einer seiner Ersatzklingen dann vorsichtig den Bauch auf und entnahm die Eingeweide. Er legte die gleichmäßig dunkle Leber und das Herz zur Seite und warf den Rest in die Flammen. Dann reinigte er den Körper mit einem Büschel Gras, steckte ihn auf einen Stock und hielt ihn über die Seite des Feuers, auf der er die Glut freigelegt hatte.
Er aß dankbar und mit vollem Bauch dann blickte er in Richtung der Berge, die unter dem Mantel der Nacht verborgen waren, und lächelte breit. Sie war nahe!
Schneeflocken auf seiner Wange weckten Schatten-des-Windes am frühen Morgen. Befangen öffnete er die Augen. Er hatte von seinen Eltern geträumt; ihre Gesichter standen ihm noch klar im Geist. Er setzte sich träge auf. Der Schnee war gekommen, wenig noch, aber er war da. Das Feuer war verstummt. Er erinnerte sich an seine Eltern und zum sanften Klang des Schnees saß er einige Zeit da und fühlte sich einsam in der endlosen Weite der Welt.
Ohne Appetit aß er zwei Streifen Fleisch, packte zusammen und setzte sich mit schweren Gliedern in Bewegung. Er kehrte zurück zu der Spur, spürte etwas Aufregung durch die Trübheit beim Anblick der Fußabdrücke, die die Ur-Mutter manchmal in weichem Boden hinterlassen hatte. Auch wenn der Schnee die Abdrücke bald versteckte, war es nicht schwer, der Spur in den Bäumen zu folgen.
Er lief und folgte, der Schnee wurde dichter und er dachte an Sie zurück. Wie er sie das erste Mal gesehen hatte, als sie von den Menschen-am-großen-Wasser zu ihnen gekommen war. Wie sie schüchtern gewesen war, aber mit großer Kraft in den Augen. Er erinnerte sich an ihren ersten Kuss im Frühling. Wie sie sich vereint hatten im Schein des Vollmondes. Er spürte ihren Atem in seinem Nacken und ihre Finger auf seiner Haut. Er sah, wie ihr Bauch sich zu wölben angefangen hatte. Wie zauberhaft sie gestrahlt hatte. Er hörte sie schmerzend stöhnend manchmal in der Nacht, und ihr Bauch war größer geworden. Und die Nacht, als ihre Schreie die Nacht zerfetzt hatten, und der Geruch von Blut, und mehr Schreie, endlos. Er hörte den Ruf seiner Tochter, einmal klar und klagend, bevor sie verstummt war. Und ihr kleines Gesicht reglos wie das ihrer Mutter.
Zitternd wischte er sich die kalten Tränen aus dem Gesicht und stapfte angestrengt weiter.
Er erinnerte sich, wie er das Loch gegraben hatte. Er erinnerte sich, wie sie die beiden in die Erde gelegt hatten. Wie er ihnen die Bärenklaue zum Schutz mitgegeben hatte, und wie die Erde sie bald bedeckt hatte und er sie nie wieder halten würde.
Ein seltsames Dröhnen aus der Ferne schreckte ihn aus den Gedanken; er blieb an einer Wurzel hängen, stolperte und fiel beinahe. War das die Ur-Mutter gewesen? Er lauschte, aber er hörte nur den Schnee fallen. Stumpf und leer blickte er in die Luft. Wieso quälte er sich selbst mit seinen Gedanken, mit seinen Erinnerungen?
Er ging in die Knie, fuhr mit der Hand durch den Neuen Schnee, der anfing, den Boden zuzudecken, und rieb sich ein wenig davon ins Gesicht. Er erhob sich und blickte in Richtung der Berge. Es war schon nach Mittag, und das Grau des Winterwaldes war weiß geworden.
Die Spuren waren klarer geworden; es war nicht mehr weit. Er aß etwas Fleisch im Stehen, ignorierte den Durst und setzte sich schwerfällig in Bewegung. Nach einiger Zeit hörte er das Dröhnen wieder; wie ein Hilferuf schien es ihm. Er lief etwas schneller, sah bald die runden Spuren schon im Schnee und am frühen Abend sah er zwischen den Bäumen ein braunes Fell in einiger Entfernung. Er blieb stehen, sein Herz pochte.
Langsam und leise lief er weiter. War sie es wirklich? Er hatte keinen Zweifel gehabt, sie zu finden, aber doch schien es ihm jetzt unwirklich, dass sie aus den alten Geschichten in den Wald getreten sein sollte. Wahrhaft riesig musste sie sein; der Rücken, den er immer klarer sah, ragte hoch zwischen den Bäumen. Unentschlossen blieb er wieder stehen. Würde sie fortlaufen, wenn sie ihn hörte. Oder ihn angreifen? Was wollte er eigentlich von ihr?
Der Schnee fiel dichter und schluckte alle anderen Geräusche.
Ein gewaltiger Rüssel hob sich über den Rücken und dröhnte laut und weit durch den Wald ohne Antwort. Schatten-des-Windes entschied sich. Ohne auf Geräusche zu achten oder sich zu verstecken schritt er ihr entgegen; der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Er sah den großen Körper sich schon regen, bevor er auf die Lichtung trat; und erst sah er einen ihrer riesigen Zähne, dann ein Auge, das ihn tief anblickte und sie drehte sich ihm vollends zu. Er blieb ehrfürchtig stehen. Wie gewaltig sie war! Allein der Kopf war beinahe so groß wie er selbst. Zwischen dem Rüssel, der sich langsam hin-und herbewegte, bogen sich elegant die Zähne. Über dem Kopf ragte ihr Rücken in einem Buckel noch höher hinaus; fest stand sie auf vier Beinen wie Baumstämmen. Das braun-schwarze Fell war lang und verfilzt.
Ihre Augen, die im Vergleich zum Körper klein wirkten, blickten ihn aus weiter Tiefe an; sie bewegte sich nicht. Er sah den Schmerz und die Trauer in ihren Augen und er verstand, dass sie ihresgleichen suchte. Aber es gab keine Ur-Mütter und Ur-Väter mehr und sie suchte trotzdem, immer weiter, auch wenn es nichts zu finden gab.
Still standen sie sich gegenüber auf der Lichtung im Schnee unter grauendem Himmel, ohne Zeit.
Sie brummte ein tiefes Geräusch, drehte sich ab und stapfte zum Rand der Lichtung; die Erde bebte unter jedem ihrer Schritte. Sie ließ sich schwerfällig zu Boden und staubte eine Wolke Schnee in die Luft. Sie setzte ihren Kopf mit den Zähnen nach vorne auf der Erde ab und musterte ihn mit ihren tiefen Augen.
Im letzten Licht des Tages suchte sich Schatten-des-Windes selbst einen Platz am Rande der Lichtung, in respektvoller Distanz, und schaufelte Schnee für seinen Schlafplatz zur Seite. Er nahm sich das Holz und den Zunder aus dem Sack und zögerte kurz; würde ihr das Feuer Angst machen? Aber er hatte ja kein dickes Fell, das ihn vor der Kälte der Nacht schützte. Sie hob den Kopf beim Klang der Feuersteine und als sich die ersten Funken in Flammen verwandelten, zuckte sie kurz und er dachte, sie würde sich aufrichten. Aber sie suchte seinen Blick und entspannte sich wieder.
Er fütterte das Feuer, bis es groß genug war, die Kälte aus seinem Körper zu vertreiben und saß still im flackernden Schein unter den fallenden Flocken. Sein Blick ruhte auf der Ur-Mutter, die bald ihre Augen schloss und schwerer zu atmen begann. Eine warme Woge fuhr ihm durch die Brust. Die Geschichten waren keine Übertreibungen gewesen. Dass er sie wirklich gefunden hatte, dass sie wirklich hier lag, ihm so nahe.
Er fühlte ihr und ihrer Trauer noch eine Zeitlang nach, aß dann den letzten Rest harten Brotes und begab sich zur Ruhe.
Ein seltsames reißendes Geräusch weckte Schatten-des-Windes aus traumlosem Schlaf. Er setzte sich auf und sah der Ur-Mutter mit großen Augen dabei zu, wie sie mit ihrem Rüssel Grasbüschel unter dem Schnee ausriss und sich in den Mund führte. Sie war wirklich hier, und sie war noch hier. Er lächelte breit. Sie wandte ihm kurz den Kopf zu und fraß dann entspannt weiter.
Eine dicke Schicht Schnee bedeckte alles, alles war still und friedlich. Der Schnee hatte aufgehört zu fallen und der Himmel war etwas heller. Er entfachte die letzte Glut zu einem kleinen Feuer und ließ die Flammen zwei Schüsseln mit Schnee schmelzen, die er begierig trank. Dazu aß er die letzten Reste des Hasen.
Er brachte das Feuer mit ein paar Handvoll Schnee, der ihm angenehm zwischen den Fingern rieselte, zum Schweigen, packte seine Dinge, nahm seinen Speer und wandte sich der Ur-Mutter zu, die schon vor einer Weile aufgehört hatte zu fressen. Sie drehte sich um und trat aus der Lichtung in den Wald, wandte ihm aber noch einmal den Kopf zu, wie um sich zu bestätigen, dass er auch kam. Er lächelte noch breiter und folgte der Gestalt der Legenden auf leichten Füßen.
In gemächlichem Schritt liefen sie durch den Tag, den Bergen entgegen. Manchmal blieb die Ur-Mutter stehen, um sich Äste mit ihrem Rüssel geschickt abzubrechen, oder um unter dem Schnee nach Gras zu wühlen. Zweimal rief sie mit ihrer gewaltigen Stimme in die Weite und blieb danach einige Zeit stehen und lauschte und trottete dann mit trüben Augen weiter durch die Stille.
Schatten-des-Windes hatte Freude daran, durch den Neuen Schnee zu stapfen, und noch größere, die Ur-Mutter neben sich zu spüren und immer wieder zu mustern und zu sehen, wie sie lief und fraß, wie ihre riesigen Zähne von Seite zu Seite schwangen mit jedem Schritt. Mit welcher Ruhe sie sich bewegte. Und wie einsam sie sein musste; sein Herz schmerzte, wie sie nach ihrem Rufen lauschend still stand.
Die Zeit verging, ohne dass ihm viele Gedanken kamen; er spürte die Natur so lebendig wie seit langer Zeit nicht mehr. Manchmal fühlte er sich wie ein Kind, wenn er sich über ein Stückchen blaues Himmel, das kurz zwischen den Wolken hindurchblitzte, freute; oder wenn er einen Satz in einen Schneehaufen tat. Oder wenn er sich freute jedes Mal, wenn die Ur-Mutter mit ihren verwandten Augen zu ihm blickte.
Schon einige Zeit, bevor der Abend graute, blieb sie am Fuße eines Hanges stehen und schaute ihn erwartungsvoll an. Er nickte ihr lächelnd zu, es war ein guter Ort, um die Nacht zu verbringen. Während die Ur-Mutter wieder fraß, richtete er sich ein Stück Erde für die Nacht her, setzte sich auf den kalten Boden, hörte den Vögeln beim Singen zu und sah den Wolken dabei zu, wie sie dünner wurden, sich zerklüfteten und verschwanden vor dem hellblauen Abendhimmel. In der Ferne brannte die Sonne hinter den Bergen.
Er sammelte nicht zu feuchtes Holz und bereitete das Feuer vor. Er fand einen kleinen beinahe zugefrorenen Bach und einige Hasenlöcher nicht weit weg davon. Er musste nicht lange warten mit angespanntem Speer, bis ein weißer Hase fast neben ihm durch den Schnee hoppelte. Er brachte das tote Tier unter den Blicken der Ur-Mutter zurück zu seinem Platz und erweckte das Feuer. Er hielt den Hasen einige Zeit in seinen Händen, der blutige Speer an seiner Seite. Wie sich alles in alles kehrte. Eben noch war der Hase Hase gewesen; jetzt würde sein Fleisch Teil von ihm werden, und seine Knochen wieder Erde und Gras werden, das andere Hasen fressen würden. Und er selbst würde zurückkehren zur Erde irgendwann, aus der er gekommen war, und würde etwas anderes werden.
Die Ur-Mutter ließ sich näher bei ihm als in der letzten Nacht nieder, blickte ihn kurz an und schloss die Augen. Schatten-des-Windes saß noch eine Weile, legte sich dann hin, deckte sich zu und schloss auch die Augen im Licht der Sterne.
Strahlender blauer Himmel grüßte seine Augen am Morgen. Leichtfüßig erhob er sich und nickte der Ur-Mutter zu, die ihn kauend musterte. Lächelnd streckte er sich. Froh strahlte der Wald unter der weißen Decke unter dem hellen Himmel. Schatten-des-Windes schmolz sich Schnee, trank und aß ein wenig, genussvoll, packte zusammen und trat zur schon wartenden Ur-Mutter. „Lass uns gehen!“, sprach er laut lächelnd. Wie zur Antwort machte sie einen Satz und fing an, ähnlich einem jungen Reh herumzuhüpfen; die Erde bebte und Schatten-des-Windes lachte. Sie sammelte immer wieder Schnee mit ihrem Rüssel und pustete ihn in die Luft, dass er auf sie beide herabregnete.
Sie beruhigte sich, blickte ihn mit leichten Augen an und sie zogen in den Tag. Wie wundervoll es war, kein Ziel zu haben, alles unentschieden und offen. Und nicht in seinen Gedanken in der Vergangenheit zu hängen und zu leiden. In der Ferne röhrte ein Hirsch, und noch einer.
Und so liefen sie diesen Tag und den nächsten, und weiter. Manchmal schien die Sonne, manchmal fiel Schnee und die Berge wurden immer größer und mit großen Augen schaute Schatten-des-Windes zu den fernen Kronen, wie sie in die Wolken stachen. Nur selten rief die Ur-Mutter noch in die Ferne.
An einem Abend stoppten sie im Schatten eines großen Felsens, wie es sie jetzt immer öfter gab. Große Vögel, die Schatten-des-Windes noch nie gesehen hatten, riefen in der Ferne unter dunklem Himmel. Einzelne Schneeflocken tanzten zur Erde.
Die Ur-Mutter und er standen sich gegenüber, wie beim ersten Mal, als sie sich getroffen hatten. Er fühlte, dass der Abschied nahte; nicht aus irgendeinem Grund, sondern einfach, weil es die Zeit war. Aber noch nicht. Die Vorstellung schmerzte ihn, sie zu verlassen.
Er machte langsam einen Schritt nach vorne, und sie blieb stehen. Er machte noch ein paar Schritte, bis er direkt vor ihr stand und hob vorsichtig seine Hand. Sie schnaubte nur, aber bewegte sich nicht; und blickte ihn mit ihren tiefen Augen an. Er legte die Hand auf das raue Fell ihres Rüssels. Sie standen, und er spürte sie, und sie spürte ihn.
Im Schein des Feuers legte er sich gesättigt zu Boden; der Felsen über ihnen verdeckte einen Teil des Himmels. Er schloss die Augen, aber nur schwer fand er unruhigen Schlaf. Immer wieder schreckte er beinahe hoch, und wusste nicht, ob er die Schatten nur in seinen Träumen huschen hörte. Er schreckte hoch. Hellwach setzte er sich auf und griff nach seinem Speer. Er hatte sicher einen Schatten Blätter platt drücken gehört. Die Glut warf einen orangenen Schein; die Ur-Mutter schlief stehend und wippte dabei sachte von Seite zu Seite.
Schatten-des-Windes blieb völlig reglos und horchte in die Nacht. Auf dem Felsen? Er brauchte den Räuber nicht einmal zu hören, er spürte ihn. Da! Er sah, wie sich eine große Silhouette aus den Felsen über der Ur-Mutter erhob. Er spannte alle Muskeln an, und in dem Moment, in dem der Schatten lossprang, sprang auch er mit leisem Schrei auf und streckte den Speer empor. Eine Großzahnkatze! Sie drückte sich im letzten Moment vom Felsen ab und landete einige Schritt neben ihm im Schnee.
Die Ur-Mutter war aufgewacht und wich zurück; und stampfte unruhig von Fuß zu Fuß. Schatten-des-Windes wendete sich der Katze zu, immer noch verwundert. Sein Vater hatte Geschichten von den großen Kämpfen mit den Großzahnkatzen erzählt, aber die Geschichten waren alt. Lange hatte sie niemand mehr gesehen.
Die Katze tat einen geschmeidigen Schritt nach vorne; die Flammen tanzten in ihren Augen. Schatten-des-Windes ging leicht in die Knie, in sicheren Stand, und wartete. Und dann, mit fürchterlichem Fauchen, sprang die Katze nach vorne, die ausgefahrenen Krallen ihm entgegen. Er wartete bis zum letzten Moment, warf sich dann zur Seite und schlug den Speer in die gestreckte Brust. Der Speer entglitt ihm, er fiel zu Boden, raffte sich direkt wieder auf und griff nach dem Speer, dessen Spitze in der Katze steckte, die röchelnd am Boden lag.
Mit pochendem Herzen und flachem Atem blickte er auf die Katze. Was ein wundersames Tier. Es tat die letzten Atemzüge und die Brust wurde still. Die langen spitzen Reißzähne leuchteten im orangenen Schein. Die Ur-Mutter trat vorsichtig heran und berührte den Körper mit ihrem Rüssel.
Wieso hatte die Katze versucht, alleine eine Ur-Mutter anzugreifen? Sie war sicher mächtig, aber ein Ur-Tier? Er runzelte die Stirn. Fiepsende Geräusche ließen ihn zusammenschrecken. Blätter raschelten und neben dem Felsen sprangen zwei kleine Katzen aus dem Dickicht und eilten unbeholfen zu dem Körper der Großzahnkatze. Und sie drückten ihre Köpfe an ihren Körper und ihre Schnauze und klagten mit ihren hellen Stimmen.
Schatten-des-Windes verzog den Mund. Er nahm sich zwei Streifen Fleisch aus seinem Beutel, kniete sich ein paar Schritte von den Katzen hin und hielt ihnen das Fleisch entgegen. Die Katzen musterten ihn ängstlich und versteckten sich hinter dem leblosen Körper. Geduldig blieb er hocken und machte beruhigende Geräusche. Eine der Katzen kam irgendwann dann zögerlich ein paar tapsende Schritte auf ihn zu, wich wieder zurück und traute sich es dann, sich schnell das Fleisch zwischen die Zähne zu greifen und zurück zu stolpern. Die andere Katze brauchte etwas länger, aber auch sie schaffte er irgendwann. Kauend hockten sie neben ihrer Mutter und musterten ihn und die Ur-Mutter skeptisch.
Schatten-des-Windes erhob sich und fuhr sich durch das Gesicht. Mit schwerem Herzen hob er den Kopf in den blauenden Himmel und dachte an alle, die zurückgekehrt waren.
Der Blick der Ur-Mutter zog den seinen an und sie blickten sich tief in die Augen und teilten ihren Schmerz.
Die Zeit verging, und sie tat einige Schritt zurück, mit leichteren Augen, hob den Rüssel und rief ihm in dröhnender Stimme zu. Lange hallte der Klang. Ein letztes Mal suchte sie seine Augen, wandte sich dann ab und langsam lief sie in den Wald und bald war sie verschwunden.
Trauer brach in seiner Brust und er weinte. Er sank zu Boden und weinte um die Ur-Mutter; um seine Eltern, um seinen Bruder; um alle, die nicht mehr waren; um Sie, um seine Tochter.
Er weinte, bis die Tränen versiegten. Sie alle kamen nur kurz, waren nur kurz diese Formen, bis sie zurückkehrten, woher sie gekommen waren. Es gab kein Ende; nichts ist je verloren. Er verstand es. Die Trauer war da, und sie kam und ging. Aber Sie sich in Gedanken nach dem Leben am Leben zu halten war so sinnlos, wie gegen den Wind zu kämpfen, der über den Schnee rauschte. Nur Echos waren sie; was war, war gewesen, und was ist, ist.
Die Katzen waren ihm nahe gekommen und streunten um ihn herum. Er erhob sich und blickte der Ur-Mutter nach. Die Trauer in seiner Brust öffnete sich einer warmen Weite und er verneigte sich, und lachte, und war froh, am Leben zu sein. Er packte seine Dinge und wendete sich den gewaltigen Bergen zu. Er hatte schon immer davon geträumt, auf ihnen zu den Wolken emporzusteigen. Die Katzen zögerten kurz bei ihrer Mutter, eilten ihm bald aber nach. Ein Windstoß umfing Schatten-des-Windes und er spürte Ihre Umarmung. In der Ferne riefen die Vögel.